Flüchten oder Standhalten

Kai Gembalies ist Einrichtungsleiter der milaa Mitte, einer Kriseneinrichtung  für Jugendliche. Er hat einen Artikel für die Mitgliederzeitschrift des Evangelischen Diakonievereins geschrieben.

»Dieser Buchtitel des deutschen Psychoanalytikers Horst-Eberhard Richter fiel mir spontan ein, als ich erinnert wurde, für die Zeitschrift des Diakonievereins einen Beitrag zu verfassen und noch unter dem Eindruck der recht bewegten letzten Wochen in unserer Einrichtung stand, wo es nach einer sehr langen Periode relativ ruhiger Gruppendynamik fast täglich eskalierte und so hoch herging, wie lange nicht mehr. Das gipfelte schließlich in einer Schlägerei, wie wir sie wohl in den letzten zehn Jahren nicht mehr erlebt haben. Für ein bis drei Sekunden schien fraglich, ob alles außer Kontrolle geraten würde. Doch die Jungen schienen dies selber zu spüren, und folgten dann fast erleichtert den Betreuern, die im wahrsten Sinne des Wortes „dazwischen gegangen"  waren  und das Knäuel rasender Jungen entwirrt hatten. Die Ursachen der Konflikte der letzten Wochen waren dabei vielfältig: Rivalität um die Rangfolge in der Gruppe, Streit aufgrund persönlicher Verletzungen oder religiöser Empfindsamkeiten, Eifersucht, Provokationen aus Langeweile, Lust und Spaß an Intrigen, aufgestaute Frustration oder einfach "Krisenkoller", nachdem die jungen Menschen schon viel zu lange in der Kriseneinrichtung geparkt worden waren, ohne dass sie Anzeichen sähen, dass es in ihrem Leben vorangehen würde, und, und, und... Am Ende kam alles zusammen.


Abwesenheit von Routine
Statistisch gesehen passieren solche Vorkommnisse zwar eher selten, doch mittenmang im Ereignis scheint die Zeit manchmal endlos, auch wenn diese Krisen oft nur wenige Minuten dauern. In den letzten Wochen war es also wieder einmal soweit, und wir mussten den Personaleinsatz anpassen, um sicherzustellen, dass die Konflikte nicht aus dem Ruder geraten. Natürlich haben wir standgehalten und sind nicht geflüchtet, das ist schließlich unser Job. Dennoch ist dies stets eine neue Herausforderung für uns Mitarbeiter/-innen, denn wir können nicht, wie beispielsweise in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, in der teilweise das gleiche Klientel untergebracht ist, einfach einen Knopf drücken und dann eilen aus allen Stationen die Helfer/-innen  herbei – so ist eine Kriseneinrichtung personell nicht ausgestattet. Auch hilft es nicht, aufgrund der Funktion als Betreuer Autorität zu haben, sondern die einzige Chance ist es, in einer solchen Situation für die jungen Menschen Autorität zu sein. Daran orientiert sich unsere Arbeit mit den jungen Menschen vom ersten Moment der Aufnahme. Anfangssituationen sind Schlüsselsituationen. Ob eine persönlich tragfähige Arbeitsbeziehung gelingt, ob uns der junge Mensch als Autorität wählt und bereit ist, sich dieser unterordnen, zeigt sich im Moment der Krise.

Nur wenige Menschen können sich die Arbeit in einer Kriseneinrichtung wohl wirklich vorstellen, denn Krise an sich bedeutet die Abwesenheit von Routine. Routine ist eigentlich etwas, dem der Mensch ja durchaus zugeneigt gegenüber ist, denn sie macht den Alltag und die nächste Zukunft erwartbar und berechenbar, gibt Struktur und Verlässlichkeit. Krise zeichnet sich dadurch aus, dass genau das nicht gegeben ist und alles ein wenig eher nach dem Prinzip laufen kann: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Eine wie eben angedeutete Eskalation bedeutet dann – ebenso wie unvermittelt auftretendes selbst verletzendes oder suizidales Verhalten – noch  einmal sozusagen Krise in der Krise; das heißt, die schon annähernd zur Routine gewordene Krisenintervention wird durch eine akute Krise durcheinander geschüttelt. Man muss das schon mögen - dieses Überraschende, das schon einmal eine ganze Dienst- und Terminplanung über den Haufen werfen kann - wenn man in einer Kriseneinrichtung arbeitet, und es erfordert Bereitschaft und Fähigkeit zu Flexibilität und Kreativität sowie eine schnelle und tiefe Auffassungsgabe der Situation und der beteiligten Menschen, mit denen man zusammenarbeitet. Krise lässt sich nicht planen. Das trifft auch nach Jahren der Arbeit bei Familie, Angehörigen, Freunden u.a., die in ihren Arbeitsbezügen Routine und zeitliche Berechenbarkeit gewohnt sind, noch oft auf immer neues Unverständnis und Abwehr.


Krisenbewältigung

Unsere Klientinnen und Klienten selbst – im Alter zwischen 14 und 18 Jahren, manchmal ab 12 – sind  aufgrund ihrer Biografien meistens krisenerprobt. Sie entstammen häufig zerrütteten Familienverhältnissen, sind mit Beziehungsabbrüchen, sozialer Verwahrlosung, wirtschaftlicher Not,  schwieriger oder gescheiteter Schullaufbahn, Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft oder Teilhabe, selbst- oder miterlebten Gewalterfahrungen, eigener Suchtgefährdung oder die der Angehörigen etc. aufgewachsen. Oft lagen Erwartungen, Hoffnungen, Wünsche und darauf folgende Enttäuschungen dicht beieinander, bestehen tiefgehend erlebte Kränkungen. Manche wissen aus eigener Erfahrung kaum, was Ziele und Erfolge sind, weil sie diese nie erlebt haben, wissen mit sich kaum etwas anzufangen, haben nie einen für sie angenehmen Zeitvertreib entdeckt, der über „Chillen" und evtl. gemeinsamen Drogenkonsum hinausgeht, sind bei der Entwicklung von langfristigen Hobbies nicht gefördert worden. Doch gerade in Bezug auf die Krisenbewältigung bringen sie viele Kompetenzen mit. Vor dem Hintergrund dessen, was sie objektiv in ihrem jungen Leben schon erlebt haben und subjektiv integrieren mussten, muten sie oft wie kleine Helden an. Ihre Verhaltensweisen und Mittel der Krisenbewältigung sind dabei häufig allerdings nicht immer heldenhaft, haben häufig zu sozialem Ausschluss geführt, auch zu Zerstörung, Gewalt und Delinquenz. Deshalb landen sie bei uns. Es ist immer wieder spannend und bereichernd, diese jungen Menschen kennen zu lernen, zu sehen, welche Erfahrungen und Fähigkeiten in ihnen stecken und gemeinsam zu schauen und zu erarbeiten, wie sie ein bestimmtes Verhalten positiv verändern und zu ihrem Nutzen entwickeln können. Wir lernen mit jedem einzelnen jungen Menschen neu dazu und mit ihm zusammen, denn selbst wenn nach Jahren der Erfahrung manches altbekannt zu sein scheint, ist doch jeder einzelne Mensch in seiner Persönlichkeit einzigartig und birgt sein besonderes Potenzial. Deshalb werden wir auch weiterhin standhalten und nicht flüchten und für diese jungen Menschen da sein, um mit ihnen an ihrem weiteren Werdegang zu arbeiten. Und die „Krisen in der Krise“ werden im Lauf der Jahre zu gern wieder und wieder erzählten Anekdoten, die unsere Arbeit und unser Team eben auf besondere Art bereichern.

 

Standhalten vor Ort?
Bei dem spontan eingefallenen Titel „Flüchten oder Standhalten“ stolpere ich allerdings über das erste Wort: Flüchten. Denn dieses weckt einen zweiten Impuls in mir in Bezug darauf, worüber in einen Beitrag über die Arbeit in unserer Kriseneinrichtung derzeit zu schreiben sein könnte: Über die geflüchteten minderjährigen jungen Menschen  aus anderen Teilen der Erde, wo sie kriegerischer oder wirtschaftlicher Not entkamen.

In seinem Buch „Flüchten oder Standhalten“ setzt sich Horst-Eberhard Richter psychoanalytisch damit auseinander, wodurch der moderne Mensch eingeschüchtert wird und wie er sich dagegen wehren kann. Richter hält darin ein Plädoyer gegen die Flucht und für das Standhalten. Das ist hier allerdings nicht das Thema, darum geht es nicht. Ein Plädoyer fürs Standhalten würde hier zynisch wirken, denn hier sind junge Menschen volles Risiko eingegangen um ihr Heil in der Flucht zu suchen, haben alles zurückgelassen, um Lebensbedrohung, Tod und anderen widrigen Verhältnissen zu entkommen in der Hoffnung auf ein besseres, sicheres Leben, und in der Hoffnung, ihre Angehörigen nachholen zu können, da das Fluchtgeld nicht für alle gereicht hatte. Wenn die jungen Menschen vor uns stehen, sind wir froh, dass sie den Mut hatten, für sich den Weg der Flucht auf sich zu nehmen und nun ihr Heil zu suchen und hoffentlich mit der Unterstützung der Menschen in unserem Land auch zu finden.

In der Krisen- und Clearingeinrichtung MILaa Mitte (ehemals Chance Nord, dann Chance Mitte) haben wir bereits jahrelange Erfahrungen in der Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen geflüchteten Menschen, kurz UMA (unbegleitete minderjährige Ausländer). Vermehrt trat die Thematik bereits 2008 auf; damals handelte es sich vorwiegend um junge Menschen, die aus dem Raum des östlichen Mittelmeeres nach Berlin gekommen sind, um in der Stadt häufig von kriminellen Clans eingesetzt und ausgebeutet zu werden. Diese junge Menschen waren damals kaum mit Angeboten der Jugendhilfe erreichbar, weil sie gar nicht den Anspruch hatten, sich etwas in Deutschland aufzubauen, sondern unter Vortäuschung falscher Versprechungen ins Land geschleppt wurden und sich in Abhängigkeit derer befanden, für die sie ihre Dienste zu verrichten hatten. In den Folgejahren kam es zu erhöhten Fallzahlen tschetschenischer unbegleiteteter junger Menschen, die ihre von Nachbürgerkriegszuständen und Bandenkonflikten geprägte Heimatregion im Kaukasus verlassen hatten und nach Deutschland geschleust wurden. Seit Sommer 2014 sind der MILaa Mitte (damals noch: Chance Mitte) dann erstmals in spürbar größerem Umfang vermehrt unbegleitete minderjährige Geflüchtete zugewiesen worden, die zunächst noch vornehmlich aus dem Maghreb und aus Tschetschenien stammten. Seit 2015 nahm die Anzahl mit insgesamt 40 aufgenommenen  unbegleiteteten  Minderjährigern  deutlich zu. Im Jahr 2015 wurden von allen zwölf Berliner Bezirksämtern und auch auswärtigen Jugendämtern UMA bei uns untergebracht, die Hälfte davon aus Syrien und Afghanistan. Die Zahl der jungen Menschen, die aus bürgerkriegsgeprägten Herkunftsregionen geflüchtet sind, dominierte dabei. Insgesamt stellten UMA zeitweise 50 % und mehr der Tagesbelegung dar, im Jahresdurchschnitt rund ein Drittel aller Klientinnen und Klienten.


Verbale und nonverbale Kommunikationsmethoden
Auf die neuen Herausforderungen  haben wir Mitarbeiter/-innen der Krisen- und Clearingeinrichtung uns eingestellt. In kurzer Zeit intensivierten wir unser theoretisches und praktisches Erfahrungswissen in den ausländerrechtlichen Bereichen durch direkte Kontakte mit entsprechenden Behörden (Ausländerbehörden, BAMF) sowie Vernetzung mit Beratungsstellen und Fachanwälten. Neben den Kontakten zu den Familiengerichten und Amtsvormundschaftsstellen zwecks Klärung der Personensorge entwickelt sich zunehmend auch eine Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Vormundschaften.

In Bezug auf Kommunikation und Spracherwerb wurde ein Mix entwickelt: aus kreativen verbalen und nonverbalen Kommunikationsmethoden, der Einstellung sprachkompetenter Mitarbeiter/-innen sowie der Vernetzung mit Sprachmittlern des Gemeindedolmetscher-Dienstes und Angeboten von unterschiedlichsten Sprachkursen im Bereich ehrenamtlicher Initiativen wie auch Schulen, Jobcentern etc.

Viele junge Geflüchtete sind mit ihren Gedanken ständig bei ihren Eltern und Geschwistern in den Herkunftsländern. Im Bereich der Familienzusammenführung unterstützen wir sie durch Einbindung relevanter Behörden im In- und Ausland durch eigene Kontaktanbahnung oder über Beratungsstellen.

In Bezug auf die Gesundheitsfürsorge stehen die Sicherung des Krankenversicherungsschutzes im Mittelpunkt sowie die Abklärung akuter gesundheitlicher Beeinträchtigungen. Mitunter stellt sich heraus, dass notwendige medizinische Erstuntersuchungen noch nicht erfolgt sind und nachgeholt werden müssen. Akute Traumatisierung ist hingegen i.d.R. kein Thema.


Gruppendynamik
Die Unterbringung und Versorgung während des Betreuungszeitraumes gestaltet sich meistens  unproblematisch, weil sich die UMA mehrheitlich  dankbar und wertschätzend zeigen. Im Hinblick auf die Versorgung mit Lebensmitteln wurde in der Krisen- und Clearingeinrichtung aufgrund ihres multikulturellen Sozialraums seit jeher auf religiöse Besonderheiten Rücksicht genommen, so dass hier kaum größere Umstellungen erfolgen mussten.

In der Gruppendynamik bereichern die UMA das Leben und Miteinander in der Kriseneinrichtung sehr. Es ist toll mit anzusehen, wie problemlos die Integration, das Zusammenleben von geflüchteten Menschen und Berliner Jugendlichen im täglichen Miteinander gelingt. Wir Erwachsenen konnten uns da von Anfang an viel abschauen und lernen! Rassistische oder fremdenfeindliche Haltungen gibt es in unserer Einrichtung so gut wie gar nicht. Es geht „multikulti“ zu, wenn auch nicht immer miteinander, dann doch friedlich nebeneinander. Für uns Betreuer/-innen brachten die UMA viel Entspannung mit in die Einrichtung, denn anders als die meisten der Berliner Jugendlichen entstammen sie geordneten familiären Verhältnissen, sind geordnete Tagesstrukturen gewohnt, beispielsweise dass man nachts schläft und morgens aufsteht und - wenn ein Schulplatz bereits vorhanden ist - zur Schule geht und Ziele für das Leben entwickelt. Wenn wir also in den letzten zwei Jahren nur noch selten solche Eskalationen hatten – wie eingangs beschrieben – so  ist dies sicher auch dem positiven Einfluss der UMA zu verdanken, den sie mit in die Einrichtung gebracht haben. Diese relative Ruhe ist nicht zuletzt auch unserer Nachbarschaft aufgefallen, die sonst nicht immer sehr glücklich war und ist, eine Kriseneinrichtung in ihrer Nähe zu haben.«


Kai Gembalis
Einrichtungsleiter MILaa Mitte Kriseneinrichtung für Jugendliche


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Kontakt

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Jeanne Grabner

Tel. (030) 80 58 87 9-12
grabner@milaa-berlin.de

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